Pavel Fokin: Alexander Sinowjew und Deutschland

Pavel Fokin

Philologe und Literaturhistoriker, der stellvertretende Direktor der Staatlichen Literaturmuseum, Dr. der Philologie, Moskau

 

ALEXANDER SINOWJEW UND DEUTSCHLAND

 

Der herausragende russische Denker, Logiker, Soziologe, Schriftsteller und Künstler Alexander Sinowjew (1922-2006) wurde im Entstehungsjahr der UdSSR geboren. Sein dramatisches Schicksal ist unzertrennlich verbunden mit dem Schicksal seines Landes. Seine Biographie ist eingeflochten in die Biographie Russlands im XX Jahrhundert und stellt einen unabdingbaren Teil von ihr dar. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland, der UdSSR und Deutschland berührt unmittelbar das Leben Sinowjews – in den schrecklichen Zeiten des Krieges, wie  in der Periode der folgenden Versöhnung und Partnerschaft.

Im Übrigen ist Deutschland noch in der frühen Kindheit Sinowjews in dessen Leben getreten, zusammen mit den Erzählungen seines Vaters, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und einige Zeit in Kriegsgefangenschaft war. Zusammen mit einigen anderen Russen wurde er als Arbeiter in ein österreichisches Landgut geschickt, wo man mit den Gefangenen human und wohlwollend umgegangen ist. Als der Krieg beendet war, entließ man die Gefangenen in die Freiheit und gab ihnen Brot und Nahrungsmittel mit auf den Weg. Bis zum Rest seines Lebens blieben dem Vater die Ordnung und den Wohlstand des deutschen Dorfes, die sich dermaßen von den Gewohnheiten und Gepflogenheiten des heimischen Landes unterschieden, in Erinnerung.

Mit dem Vater kamen auch die ersten deutschen Worte in das Haus. Die Bekanntschaft mit der deutschen Sprache führte Alexander in der Schule und später im Institut, dem bekannten Institut für Philosophie, Literatur und Geschichte, fort, dessen Abschluss er allerdings nicht schaffte, denn der Krieg begann. Gekämpft werden musste von Beginn an. Es wurde ihm zuteil,  Umzingelungen zu durchbrechen, in verschiedenen Gebieten herumzuirren, bis er in die Flugschule in Uljanowsk geriet, nach deren Abschluss er im Armeeverband der Ersten Armee der Ukrainischen Front als Pilot des 110 Gardeluftregiments der 6 Sturmgarde der Luftdivision kämpfte.

Im Nachhinein erinnerte sich Sinowjew in seinem Buch „Ein russisches Schicksal. Die Beichte eines Abweichlers“[1]: „Ich flog unterschiedliche Flugzeugtypen, die damals schon veraltet waren. Letztendlich wurde ich Pilot des Jagdbombers Il-2. Das war eine wunderbare Maschine. Ihre Geschwindigkeit allerdings war unbedeutend – nicht viel mehr als vierhundert Kilometer die Stunde. Dafür hatte sie aber eine gewaltige Bewaffnung, war an den wichtigsten Stellen gepanzert und hatte einen sehr hohen Grad an Überlebensfähigkeit. Die Maschine war speziell für den Kampf mit Panzern vorgesehen, für das Bombardieren von Brücken, Schienenverkehrsknotenpunkten und überhaupt zur Vernichtung kleinerer Objekte, wenn genaue Treffer von Bomben benötigt wurden. Sehr bald wurden die Il zum Schrecken der Deutschen. Sie nannten sie „schwarzer Tod“. Die Il wurden von Jagdflugzeugen, von Flugabwehrkanonen und sogar von Panzern abgeschossen. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Piloten an der Front  betrug weniger als zehn Kampfflüge“[2].

Das Leben hing oft am seidenen Faden: „Einmal sollte ich die Ergebnisse der Arbeit des Staffelbombardements eines Schienenverkehrsknotenpunktes fotografieren. Ich musste das Ziel anvisieren, das Lichtbildmaschinengewehr einschalten und durfte auf keinen Fall manövrieren, das heißt nicht dem Flugabwehrmaschinengewehrfeuer ausweichen. Und man hat mich gründlich durchsiebt. Ein Geschoss gelangte in den Kasten für Patronenbänder, ein anderes ins den Motor. Einige Zylinder gerieten außer Betrieb. Aber ich habe mich dennoch bis zum nächsten Stützpunkt geschleppt, wo ein anderes Regiment „saß“, und landete. Die Ingenieure, die meine Maschine untersuchten behaupteten, dass das Flugzeug in einem solchen Zustand theoretisch nicht fliegen konnte. Aber dennoch bin ich hingeflogen“[3].

Der Krieg ging auf das Gebiet Deutschlands über. Zusammen mit Millionen sowjetischer Soldaten sah Sinowjew erstmals die geregelte und wohlgebildete deutsche Welt. Der Eindruck war groß: „Deutschland betäubte uns mit seinem märchenhaften (im Vergleich zu unserer russischen Armut) Reichtum. Millionen von sowjetischen Menschen erkannten plötzlich, dass der Lebensstandard, von dem sie als kommunistischen Überfluss träumten, schon ein einfaches Niveau in Deutschland war, also – so dachten die Leute – auch in anderen kapitalistischen Ländern. Wie eine Seifenblase platzte das Bild der kapitalistischen Länder, dass durch die sowjetische Ideologie und Propaganda geschaffen wurde. Das marxistische Märchen von der Gesellschaft des Überflusses in der Zukunft wurde zu einer Verhöhnung. Noch viel trostloser wirkte nun die russische Trostlosigkeit.< „…“>

Sinowjew kämpfte im Himmel über Berlin: „Obwohl sich der Krieg auf das Territorium von Deutschland verlagert hatte, kämpften die Deutschen mit Erbitterung. Zeitweise hatten wir es schwer. Während eines unserer Kampfflüge haben die deutschen gleich vier unserer Flugzeuge abgeschossen. Bei diesem Ausflug schossen sie auch mich ab. An meiner Maschine wurden mehr als dreißig Einschusslöcher gezählt.

Bei Berlin sahen wir zum ersten Mal die deutschen reaktiven Flugzeuge Me-262 in der Luft. Sie lösten in uns Bewunderung und nicht Angst aus. Der Krieg endete, und diese wundervollen Flugzeuge konnten seinen absehbaren Ausgang nicht ändern. Wir wurden zweimal ihren Angriffen ausgesetzt, und beide Male wehrten wir sie erfolgreich ab. Im Jahre 1982 in München rief mich ein Mensch an, der sich Doktor Mutke nannte. Er erfuhr von mir durch einen Schweizer General, der meine Bücher las und mich zu Konferenzen einlud. Aus dem Gespräch mit ihm erfuhr ich, dass er während des Krieges eine Me-262 steuerte und zwar genau in unserem Teil der Front. Wir trafen uns dann mehrmals und wurden Freunde. Er behielt, wie auch ich, die Psychologie eine Piloten jenes Krieges“[4].

Den Sieg erlebte er in der Tschechoslowakei. Für seine Teilnahme am Kampfgeschehen gegen Deutschland wurden Sinowjew der Rotbannerorden Nr. 2095519 (laut Befehl der 6. Sturmgardeluftdivision Nr. 014/11 vom 30. April 1945) und Medaillen für den „Sieg über Deutschland“ (9. Mai 1945), die „Eroberung Berlins“ (9. Mai 1945) und die „Befreiung Prags“ (9. Mai 1945) verliehen.

Die Kriegseindrücke legten die Grundlagen für viele Kapitel der zukünftigen Bücher Sinowjews, wie: „Gähnende Höhen“, „Am  Vorhof des Paradieses“, „Unserer Jugend Flug“.

Nach dem Krieg war es die Moskauer Staatsuniversität, in der das Erlernen der deutschen Sprache für Sinowjew besonders aktuell wurde, im Zusammenhang mit der endgültigen Ausbildung eines wissenschaftlichen Interesses zur Untersuchung der Lehre von Marx und der logischen Instrumentierung seiner Aufsätze.

Mit vielen Werken der deutschen Philosophie machte Sinowjew noch in der Schule Bekanntschaft, unter der Leitung seines Lehrers. Damals las Sinowjew (in Übersetzung) „Die Dialektik der Natur“ und „Anti–Dühring“ von F. Engels und die ersten Abschnitte des „Kapitals“ von K. Marx. In seinen studentischen Jahren haben der Marxismus und seine Kritik vollkommen Sinowjews Bewusstsein eingenommen. G.P. Schedrowitzkij, erzählte, als er sich an eines seiner ersten Treffen mit Sinowjew an der Philosophischen Fakultät der MSU im Herbst 1952 erinnerte: „Um einen Tisch, auf dem ein Bogen Papier lag, standen mehrere Menschen, die hitzig das Problem der Logik im „Kapital“ diskutierten. Dieses Gespräch dauerte etwa eine Stunde. Sinowjew malte und führte diese Diskussion hauptsächlich mit Smirnow. Es gab einmal einen solchen Doktoranden an der philosophischen Fakultät, vielleicht ein Jahr älter als Sinowjew, vielleicht sein Kommilitone. Sie hatten nahezu gleiche Themen: Logik des „Kapitals“, Dialektik  des „Kapitals“, die Methoden des Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten im „Kapital“.

Das waren zu diesen Zeiten die beliebtesten Themen der Studenten und Doktoranden der philosophischen Fakultät, insbesondere derer, die versuchten, die Philosophie ernster zu betreiben, als es überhaupt an der Fakultät üblich war. Zu diesen Themen gelangten alle, die irgendein reelles Diskussionsgebiet suchten – außerhalb der direkten Drucks der Ideologie. Und Sinowjew beschäftigte sich schon seit der Mitte des vierten Studienjahres, aber vielleicht auch länger, mit der Logik des „Kapitals“ und zählte – er war damals noch Doktorand im zweiten Jahr – zu einem der größten Spezialisten auf diesem Gebiet der Fakultät“[5].

Die langjährige Arbeit Sinowjews bezüglich des Studiums der Methodologie von Marx fand ihre Auswirkung in seiner Doktorarbeit „Die Methode des Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten“, die am 24. September 1954 verteidigt wurde.

Das nächste Kapitel der Beziehung Sinowjews zu Deutschland hängt mit seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Logiker zusammen. Seine Werke auf diesem Gebiet ziehen schnell die Aufmerksamkeit westlicher Spezialisten auf sich. Ende der 1960er  – in der  ersten Hälfte der 1970er erscheinen in Westdeutschland in deutscher Übersetzung einige Monographien Sinowjews „Über mehrwertige Logik“ („O mnogoznachnoj Logike“; Berlin, Braunschweig, Basel, 1968), „Komplexe Logik“ („Komplexnaja Logika“, Berlin, Braunschweig, Basel, 1970). Zur selben Zeit wird das Logik-Seminar Sinowjews von einem jungen Spezialisten aus Ostdeutschland Horst Wessel besucht, der daraufhin sein Doktorand wird. 1971 besucht Sinowjew auf Wessels Einladung die DDR. Und 1975 erscheint in Berlin das gemeinsam mit Wessel geschriebene Buch „Logische Sprachregeln“ („Logika Jasyka“).

Diese Publikationen und ihre wissenschaftliche Anerkennung spielten ihre Rolle in den Jahren 1977-1979, als er nach dem Erscheinen seiner globalen Satire auf die sowjetische Gegenwart „Gähnende Höhen“ 1976 in soziale Isolation gerät: er wurde von der Moskauer Universität und vom Institut der Philosophie entlassen, und ihm wurden alle wissenschaftlichen Grade und Titel aberkannt. Im April 1977 lud der Präsident der Münchner Universität, der Logiker, Nikolaus Lobkowicz, Sinowjew ein, für ein Jahr in einem Seminar für Logik in München zu arbeiten, nach Deutschland zu kommen. Das Visum- und Meldeamt verweigert Sinowjew das Visum. Nach einiger Zeit erfolgt eine erneute Einladung und ein erneuter Antrag beim Visum- und Meldeamt – im Januar 1978 wird der Visumantrag für Sinowjew erneut abgelehnt.

Die Situation um Sinowjew nimmt einen internationalen Maßstab an. Die deutschen Medien berichten regelmäßig von den Hindernissen, die Sinowjew durch die sowjetischen Behörden, in den Weg gestellt werden. Am 5. Mai 1978 fand in Bonn im Rahmen eines offiziellen staatlichen Besuchs des Generalsekretärs des ZK KPSU, des Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Rates der UdSSR L.I. Breschnjew ein Treffen des sowjetischen Führers mit dem Vorsitzenden der Freien Demokratischen Partei Deutschlands, dem Vizekanzler, dem Bundesminister des Auswärtigen Amts der BRD H.-D. Genscher statt. Bei diesem Treffen wurde unter anderem auch die Frage des Schicksals Sinowjews besprochen. Einige Monate später wurde die Entscheidung getroffen, Sinowjew mit seiner Familie aus der UdSSR auszuweisen, aber unter Berücksichtigung des kürzlich stattgefunden internationalen Skandals mit der Ausweisung von A.I. Solschenizyn (13. Februar 1974), beschlossen die sowjetischen Machtinhaber, einen Trick anzuwenden und nutzten die Einladung von N. Lowkowicz aus.

Am 6. August 1978 flogen Alexander Sinowjew, seine Frau Olga uns seine 7-jährige Tochter Polina mit dem Abendflug der Fluggesellschaft „Lufthansa“ vom Flughafen Sheremetyevo nach Frankfurt am Main. Um 22:20 Uhr Ortszeit beendete das Flugzeug erfolgreich die Landung. So betrat Sinowjew erneut den deutschen Boden. Offiziell wurde verkündet, dass Sinowjew für ein Jahr zur Arbeit an der Universität nach München fährt. Tatsächlich aber standen einundzwanzig Jahre Exil bevor.

Die sowjetischen Medien bemerkten die Abfahrt Sinowjews nicht. Ja, warum auch? In dem für ihn ausgestellten Reisepass stand in der Zeile „gebiet sich ins Ausland“ ein Stempel: „private Reise“. Dafür wartete in Frankfurt ein ganzes Team von Journalisten der führenden deutschen Massenmedien auf den  sowjetischen Philosophen und Schriftsteller. Innerhalb mehrerer Tage hielten sich auf den Seiten der deutschen Presse die Berichte über die Ankunft Sinowjews und seiner Familie in der BRD. Die Seiten der deutschen Zeitungen schmückten Fotos. Reportagen und Interviews druckten: „Die Welt“ (Berlin), „Deutsche Zeitung“ (Berlin), „Bild Zeitung“ (Berlin), „Die Tageszeitung“ (Berlin“, „Süddeutsche Zeitung“ (München), „Bayernkurier“ (München), „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Frankfurt am Main), „Kölnische Rundschau“ (Köln), „Donaukurier“ (Ingolstadt), „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ (Kassel) und andere.

Als Folge davon wird Sinowjew in all den Jahren seines Aufenthalts in Deutschland, unveränderlich die Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich lenken – als Autor von Romanen und publizistischen Büchern, als Teilnehmer an unterschiedlichen gesellschaftlichen Veranstaltungen (Konferenzen, Symposien, Seminare – nicht nur derer, die unmittelbar in der BRD stattfanden, sondern auch im Ausland), als Experte und Kommentator politischer Ereignisse, als Künstler. Er wird von Rundfunk und Fernsehen eingeladen.

Die Häufigkeit der Hinwendung der deutschen Medien an die Person, an die Meinung, an das Schaffen Sinowjews verblüfft: es gibt praktisch nicht einen Monat, in dem nicht über ihn berichtet wird. Dabei sind die Publikationen in der Regel bedeutend in Umfang und Inhalt, und die Interviews mit Sinowjew nehmen normalerweise nicht weniger als die Hälfte einer Seite, wenn nicht die ganze Seite ein. Manchmal sogar eine ganze Doppelseite! Zur oben angeführten Liste der Zeitungen kann man folgende hinzufügen: „Der Abend“ (Berlin), „Die Welt am Sonntag“ (Berlin), „Der Tagesspiegel“ (Berlin),  „Der Spiegel“ (Hannover), „Hannoversche Allgemeinen Zeitung“ (Hannover), „Niedersächsisches Tagesblatt“ (Hannover), „Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt“ (Frankfurt-Am-Main), „Zeitberichte“ (München), „Die Neue Bücherei“ (München), „UM-bits“ (München), „Rheinischer Merkur“ (Bonn), „Wirtschaftswoche“ (Düsseldorf), „Rhein-Neckar Zeitung“ (Heidelberg), „HNA Hessische Allgemeine“ (Kassel), „Siegener Zeitung“ (Siegen), „Memminger Zeitung“ (Memmingen), „Die Rheinpfalz“ (Ludwigshafen), „Heidenheimer Zeitung“ (Heidenheim), „Stuttgarter Zeitung“ (Stuttgart), „Rheinpfalz“ (Mannheim), „Mannheimer Morgen“ (Mannheim), „Deutsche Tagespost“ (Würzburg), „Volksblatt/Volkszeitung“ (Würzburg), „Main-Echo“ (Würzburg), „Neue Osnabrücker Zeitung“ (Osnabrück), „Der Sprachdienst“ (Wiesbaden), „Eßlinger Zeitung“ (Eßlingen-am-Neckar), „Die Ostthüringer Zeitung“ (Gera).

Das offene, tapfere Gesicht Sinowjews ist den deutschen Lesern aufgrund der zahlreichen Fotos, die die Publikationen begleiten, wohlbekannt. Er wird gern fotografiert mit seiner Familie – seiner Frau, seiner Tochter, seinem Hund.

Am 8. Juni 1984 wurde im deutschen Fernsehen der Dokumentarfilm „Alexander Sinowjew – Betrachtungen eines Schriftstellers im Exil“ gesendet (Regie: Kurt Hoffman und Pitt Koch), in dem nicht nur vom Schicksal Sinowjews, sondern auch von seinem alltäglichen Leben in Deutschland erzählt wird: seinem Schaffen, seinen Freizeitaktivitäten, seiner Familie, seinen Freunde (darunter M. Rostropovich). Der Objektivität halber ist anzumerken, dass das größte Interesse  der deutschen Presse an der Figur Sinowjew in den 1970er-1980ern Jahren bestand.

Der 70. Geburtstag Sinowjews (1992) wurde mit Publikationen in den Zeitungen „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Hessische/Niedersächsische Allgemeine“ gefeiert. Am 10. November fand in Berlin an der Humboldt-Universität das Seminar „Komplexe Logik“ statt, das dem 70. Geburtstag A. Sinowjews gewidmet wurde. Am Kolloquium nahmen Dr. L. Danneberg (Hamburg/Rostock), Prof. R. Kleinknecht (Innsbruck), Dr. K.-H. Krampitz (Berlin), Prof. H. Kuchling (Berlin), Dr. U. Scheffler (Konstanz/Berlin), Prof. W. Stelzner (Jena), Dr. M.P. Urchs (Breslau/Leipzig), Prof. H. Wessel (Berlin) und Dr. K. Wittich (Berlin) teil.

Die Sinowjews lebten in München relativ zurückgezogen. In der ersten Zeit mieteten sie eine Wohnung, aber schon bald nahmen sie einen Kredit auf und zogen in ein eigenes Haus am Rande der Stadt um, wo es leise und ruhig war. Zum ständigen Ort für Sparziergänge wurde der weitreichende Englische Park, der sich vom Zentrum Münchens über mehrere Kilometer durch die ganze Stadt zieht. Hier konnte man stundenlang den Wegen folgen, sich unterhaltend oder nachdenkend, und unterschiedliche intellektuelle Aufgaben lösend.

Mit russischen Immigranten hielt Sinowjew keine aktiven Kontakte. Sie hielten sich nicht für Dissidenten in dem damals geläufigen Sinne dieses Worts. Eine Zeit lang hatte sie Kontakt zu den in München gelandeten W. Woinowitsch und seiner Familie. Bei Gelegenheit traf man sich mit durchreisenden russischen Künstlern und Musikanten. Man freundete sich mit M. Rostropovich und G. Wischnewskaya an. Sie führten gehobene Unterhaltungen mit örtlichen Intellektuellen und Universitätsprofessoren, pflegten Freundschaften mit deutschen Schriftstellern – dem Dichter, Übersetzer, Herausgeber und der Persönlichkeit des öffentlichen Lebens Hans Magnus Enzenberger (geb. 1929), dem Dichter, Prosaisten, Dramaturgen Horst Bienek (1930-1990).

Im Laufe des ersten Jahres unterrichtete Sinowjew Logik an der Münchner Universität, aber weigerte sich mit Ende des Lehrjahres seinen Vertrag zu verlängern und widmete sich ganz und gar der Literatur und Soziologie. In zwanzig Jahren Exil (1978-1999), im Alter zwischen 56-77 Jahren, schreibt und gibt er über 30 Bücher heraus! Gerade in München wurden die folgenden Bücher geschrieben: «Das gelbe Haus», «Geh nach Golgatha», «Kommunismus als Realität», «Evangelium für Iwan», «Mein Haus – meine Fremde», «Homo sovieticus», «Para bellum», «Lebe», «Mein Tschechow», «Unserer Jugend Flug», «Wir und der Westen»,  «Katastroika», «Revolution in der Zarenstadt» «Der staatliche Bräutigam», «Ein russisches Schicksal, Beichte eines Abweichlers», «Gorbatschowismus», «Krise des Kommunismus», «Das russische Experiment», «Diktatur der Logik», «Der Westen. Das Phänomen des Westernismus», «Der globale Menschenhaufen». Die Handlungen von „Homo sovieticus“ und „Para bellum“ entwickeln sich in Deutschland.

Andererseits wurden die Bücher von Sinowjew nicht in Deutschland herausgegeben. Zu seinem wichtigsten deutsch-sprachigem Herausgeber wurde der Schweizer D. Keel, Inhaber des Züricher „Diogenes Verlags“, der nahezu alle wichtigen Bücher Sinowjews veröffentlicht hat. In Deutschland selbst sind lediglich vier Bücher erschienen: „Die Diktatur der Logik“ (München: Piper Verlag, 1985), „Die Macht des Unglaubens. Anmerkung zur Sowjetideologie“ (München: Piper Verlag, 1986), „Katastroika“ (Berlin: Ullstein Verlag, 1989) und „Katastrojka in der offenen Stadt Partgrad“ (München: Kyrill-und Method-Verlag, 1991).

Und dennoch schätzte man Sinowjew in Deutschland. 1984 wurde er zum Vollmitglied der Bayrischen Kunstakademie gewählt. In einer der prestigereichsten Galerien, in der  „Villa Stuck“ fand vom 28. Juni bis zum 20. Juli 1984 eine persönliche Ausstellung von Bildern und Arbeiten Sinowjews statt, bei der mehr als 60 Arbeiten, die sowohl in Moskau, als auch in Deutschland entstanden sind, vorgestellt wurden. Über die Ausstellung wurde von Seiten der Medien stark berichtet, und sie zog die Aufmerksamkeit sowohl einfacher Besuchern, als auch von Spezialisten auf sich. Die Arbeiten Sinowjews wurden gern von Sammlern gekauft. Als deutscher Schriftsteller wurde er für den Nobelpreis der Literatur 1998 nominiert.

Die  Einstellung Sinowjews zu Deutschland war nicht eindeutig. Er schätzte die Errungenschaften der deutschen Kultur – Kunst, Musik, Architektur – hoch. Sein Lieblingsort in München war die Alte Pinakothek, in die er nahezu jede Woche ging. Gemeinsam mit seiner Frau besuchte er regelmäßig Konzerte der klassischen Musik, fuhr ins Operntheater nach Bayreuth. Für den größten Philosophen aller Zeiten hielt er Kant. Aber das Leiden, dass Deutschland im zwanzigstem Jahrhundert über Russland brachte, konnte er weder vergessen, noch verzeihen.

Fast ein Viertel seines Lebens verbrachte Sinowjew in Deutschland. Das war kein einfacher – psychologisch ein sehr schwieriger Abschnitt seiner Biographie. Ununterbrochen bedrückte ihn die Losgerissenheit von der Heimat. Andauernd wurde man mit den Besonderheiten des kulturellen und sprachlichen Umfelds konfrontiert (Vorlesungen zur Logik zu halten war deutlich einfacher, als in einem Geschäft oder Restaurant Gespräche zu führen). Aber gerade in Deutschland wuchs sein Tochter Polina auf und wurde hier ausgebildet. Deutschland wurde zur Heimat für seine jüngste Tochter Xenia, welche am 24. April 1990 das Licht der Welt erblickte. Als er Deutschland 1999 verließ, übergab er einen bedeutenden Teil seines schöpferischen Archivs zur Aufbewahrung an das Institut für Osteuropa in Bremen.

1978 erlangte Sinowjew die deutsche Staatsbürgerschaft. Wobei 1990 durch einen Beschluss von M.S. Gorbatschow seine Staatsbürgerschaft der UdSSR wiederhergestellt wurde. So seltsam verflochten sich die Fäden des Schicksals – Sinowjew starb als Bürger Russlands und Deutschlands.

Am 23. September 2009 wurde in der Stadt Wildbad-Kreuth eine Vereinbarung zur Schaffung eines Russisch-Bayrischen Sinowjew-Forschungszentrums zwischen der Russischen Staatlichen Universität für Handel und Wirtschaft und der staatlichen Universität Augsburg (Bayern) geschlossen. Als Ko-Vorsitzende des Wissenschaftlichen Rates des Zentrums wurden Prof. Dr. Wilfried Bottke (Präsident der Augsburger Universität) und Prof. Dr. Sergei Baburin (Rektor der Russischen Staatlichen Universität für Handel und Wirtschaft) bestätigt. Leiterin des Russisch-Bayrischen A.A.-Sinowjew-Forschungszentrums wurde die Witwe des Denkers Olga Sinowjewa.

 



 

[1]  „Russkaja Sudba, Ispowedj Otschepenza“- Ein russisches Schicksal. Die Beichte eines Abweichlers“ – Anm. d. Übers.

 

[2]  Sinowjew A.A. Ispowedj Otschepenza. M.: Wargrius, 2005. S. 187-188-

 

[3]  Sinowjew A.A., s.o. S.196

 

[4]  S.o. S. 202.

[5]  Schedrowitzkij G.P. Ich war immer ein Idealist. M. 2010.